Barrierefreiheit bedeutet Komfort und Zusatznutzen

"Barrierefreiheit als Wirtschaftsfaktor" lautete die Botschaft der diesjährigen größten bayerischen Fachtagung für Touristiker, die sich in München dem Thema „Tourismus für Alle“ gewidmet hatte. Denn von barrierefreien Angeboten auf Reisen profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung und Senioren, auch Familien mit Kleinkindern im Kinderwagen, Geschäftsreisende mit Rollkoffern und auch Sportler mit Verletzungen schätzen diesen Service. In fast jeder Familie gibt es Menschen mit Einschränkungen, denn wir werden älter. Im Jahre 2030 wird jeder Vierte über 67 Jahre alt sein. Eine Rampe ist mit einer Schneefräse auch schneller und einfacher vom Schnee befreit, als eine Treppe mit einer Schaufel.

„Barrierefreiheit bedeutet Komfort für Alle und wird im Tourismus zunehmend zum Qualitätsmerkmal“, erklärte Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner in ihrer Rede und appellierte an die Branche, in diesem Bereich weiter voranzugehen: „Bayern hat hier schon viel erreicht, aber noch ist barrierefreies Reisen nicht der Standard. Aktuell ist Barrierefreiheit bei touristischen Angeboten noch ein klarer Wettbewerbsvorteil. Die Nachfache nach „Barrierefreiheit“ ist gewaltig. Barrierefreiheit ist zudem ein Qualitätsmerkmal der Zukunft.

Barrierefreiheit für alle
Die Akteure im Tourismus müssen jetzt handeln und die darin liegenden Chancen nutzen. So wird Bayern auch beim Reisen für Alle zum Tourismusland Nummer 1.“ Bei Barrierefreiheit geht es für Aigner nicht um ein Problem, sondern um eine Chance.
Im Zuge einer Anschubfinanzierung durch den Freistaat habe sich in den letzten zwei Jahren in Bayern bereits viel getan, erklärte die Ministerin.

Pilotprojekte
Mit einem bundesweit einmaligen Projekt unterstützt die Bayern Tourismus Marketing GmbH (by.TM) seit 2015 zehn bayerische Pilotdestinationen bei der Kennzeichnung von barrierefreien Urlaubsangeboten. In den Destinationen finden zu konkreten Urlaubsthemen wie Kultur, Natur, Aktiv oder Wellness einheitliche Erhebungen und Kennzeichnungen der Angebote entlang der gesamten touristischen Servicekette statt, die auch für Menschen mit Einschränkungen zugänglich sind. Damit werden vermarktbare Urlaubsinspirationen entwickelt, so Aigner, bei denen gleichzeitig die Stärken der Region im Vordergrund stehen.

Reiseerlebnis für den Gast
„Tourismusbetriebe und Gäste profitieren von der Netzwerkbildung der Beteiligten. Je mehr barrierefreie Angebote eine Destination hat, desto attraktiver ist das gesamte Reiseerlebnis für den Gast“, betonte Wirtschaftsstaatssekretär Franz Josef Pschierer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der by.TM, die Bedeutung der Zusammenarbeit in den Destinationen.

Zehn weitere Regionen
Um das barrierefreie touristische Angebot in Bayern weiterauszubauen, startete Aigner auf dem Tourismustag einen Aufruf für zehn weitere bayerische Pilotdestinationen. Interessierte Regionen, die das Thema Barrierefreiheit langfristig bei sich verankern wollen, können sich ab sofort bei der by.TM mit einem Grobkonzept zu konkreten Urlaubsthemen bewerben. Mit dem Zuschlag erhalten die zehn Regionen je ein Maßnahmenpaket im Wert von 10 000 Euro für die Umsetzung, die Betreuung der by.TM für den ganzen Prozess sowie Unterstützung bei der überregionalen Pressearbeit und Vermarktung. „Durch Projekte wie diese wollen wir in den nächsten fünf Jahren eine flächendeckende Zertifizierung der bayerischen Betriebe forcieren“, formulierte die Wirtschaftsministerin ihr Ziel für die Entwicklung im Freistaat.

Siegel "Reisen für alle"
Grundlage für die Erhebung und Zertifizierung barrierefreier touristischer Angebote ist das bundesweit einheitliche Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“, dessen Umsetzung die by.TM seit der Einführung durch den Freistaat im Jahr 2015 betreut. Mit dem Siegel „Reisen für alle – Geprüft. Verlässlich. Detailliert.“ geben mittlerweile zahlreiche bayerische Betriebe über Art und Grad ihrer Barrierefreiheit Auskunft und bieten verlässliche Informationen für potenzielle Gäste. Der Praktikerleitfaden „Tourismus für Alle“ der by.TM bietet zusätzlich wertvolle Orientierung und Informationen für die bayerische Tourismusindustrie.

Chancen für ältere Menschen
Für Tourismusakteure birgt der demografische Wandel große Chancen, erklärte Kai Pagenkopf von Neumann Consult. Der Markt werde immer stärker von älteren Menschen bestimmt. Das bedeute aber auch, dass es immer mehr Reisende gibt, die in ihrer Aktivität oder Mobilität eingeschränkt sind. Zwar würden diese ihre Reiseziele weiterhin nach ihren Vorlieben aussuchen, innerhalb der Zielgebiete würden sie ihre Auswahl aber an barrierefreien Merkmalen schärfen, so Pagenkopf. Barrierefreiheit gewinnt deshalb für Pagenkopf in einer alternden Gesellschaft als entscheidendes Qualitätsmerkmal mehr und mehr an Bedeutung. Schon heute sei sie ein Komfortmerkmal, von dem alle Gäste profitieren – „auch wenn sie es oft gar nicht bewusst wahrnehmen“. Wer in barrierefreie Angebote investiere, setze deshalb auf Komfort für alle und auf einen prosperierenden Markt.

Seilbahnen setzen auf Barrierefreiheit
Peter Schöttl, Präsident Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte, stellte als Angebot „Bergerlebnis für Alle“ vor. Rund zehn Millionen Menschen mit einer Behinderung leben in Deutschland. Aber auch Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung, Senioren und Familien mit kleinen Kindern bleibe das selbsterwanderte Gipfelglück meist verwehrt. Seilbahnen seien daher das Verkehrsmittel, das Menschen mit Einschränkungen den Genuss der Berge eröffnet.

Wenn auch bereits viele Seilbahnen bauliche Maßnahmen und besondere Einrichtungen verwirklicht haben, bleibe noch Raum für weitere Verbesserungen, um ein uneingeschränktes Bergerlebnis zu bieten, sagte Schöttl. Abgesehen von Barrierefreiheit gehe es um die Möglichkeit für Gäste jeden Alters und in unterschiedlicher körperlicher Verfassung, die Natur der Bergwelt ohne kräftezehrende Wanderung erleben zu können. Beispielhaft sei in diesem Bereich die Nebelhornbahn in Oberstdorf, denn dort sei man am Berg weitgehend barrierefrei.

Trotz Handicaps könne man die grenzenlose Fernsicht erleben – die Sonnenterrassen mit wunderbaren Aussichtsplätzen, Ruhebänke an schönen Punkten in der Natur. Die Restaurants sind von Rollstuhlfahrern, Kinderwägen, Senioren und allen, die weniger gut zu Fuß sind, von der Bergbahn aus leicht zu erreichen. Höhepunkt ist dabei der Nordwandsteig, man umrundet den Nebelhorngipfel auf einem etwa 100 Meter langen, rollstuhl- und kinderwagengerechten Weg. Dem Besucher eröffnen sich völlig neue Perspektiven durch den Ausblick auf das gesamte Allgäu und den atemberaubenden Blick in 600 Meter Tiefe entlang der Felswand nach unten.

Gipfelglück ohne Hindernisse
Bereits seit 2012 bietet man am Großen Arber den Zugang für Jedermann an: Ein moderner Personenaufzug gestattet ein Gipfelglück ohne Hindernisse. So ist der größte Berg des Bayerischen Walds für alle zugänglich, ohne Treppensteigen oder steile Abgänge. Mit den Seilbahnen der Bayerischen Zugspitzbahn Bergbahn AG können auch Gäste mit Mobilitätseinschränkungen Deutschlands höchsten Berg und dessen umliegende Bergwelten in all ihren Facetten erleben. Hauptattraktion ist die neue Seilbahn Zugspitze, die ab dem 22. Dezember 2017 rollstuhlgerecht in Betrieb gehen wird. Als zukunftsweisend gilt auch die momentan im Bau befindliche neue Jennerbahn in Berchtesgaden, die 2018 fertiggestellt wird, mit dem Erlangen einer hohen Barrierefreiheit. Dank der großräumigen Zehnergondeln gestaltet sich auch mit Rollator oder Rollstuhl die Fahrt sehr angenehm. Das Highlight wird ein für alle begeh- und befahrbarer Weg zu einer spektakulären Aussichtsplattform mit Blick auf den Königssee.

Kontakt www.bayern.by/urlaub-fuer-alle

 

Über den Autor

Jörg Bornmann

Als ich im April 2006 mit Wanderfreak an den Start ging, dachte noch keiner an Blogs. Viele schüttelten nur ungläubig den Kopf, als ich Ihnen von meinem Traum erzählte ein reines Online-Wandermagazin auf den Markt zu bringen, welches eine hohe journalistische Qualität aufweisen kann, eine Qualität, die man bisher nur im Printbereich kannte. Mir war dabei bewusst, dass ich Reisejournalisten und Spezialisten finden musste, die an meine Idee glaubten und ich fand sie.