Mindful.Latemar – Fitnessstudio für die Seele auf über 1800 Metern

Mindful.Latemar – Unterwegs auf dem Achtsamkeitspfad in der UNESCO Weltnaturerberegion Dolomiten - (c) Maren Recken

Die Füße fest auf dem Boden aufgestellt, die Hände in Meditationshaltung auf den Oberschenkeln sitzen wir auf aus Baumstämmen gefertigten rechteckigen Holzblöcken. Lauschen, den Blick Richtung Latemar gerichtet, den ruhigen Worten von Dr. Thomas Bernagozzi: „Vor uns liegt die Gebirgsgruppe Latemar. Wir versuchen diese Berggruppe mit Neugier und Aufmerksamkeit in jedem Detail zu betrachten.“ Jeweils einige Sekunden lang tasten wir mit unserem Blick alle Gipfel ab, beobachten die unterschiedlichen Abstufungen und Farben des für die Dolomiten typischen Gesteins, wandern mit dem Blick schließlich über die erste Vegetation hinab zu den bewaldeten Hängen. Erfassen den Berg mit allen chromatischen Details und Kontrasten, mit dem Licht- und Schattenspiel, das die Sonne aufs Gestein zaubert. Versuchen auf Bernagozzis Aufforderung hin, uns die Eigenschaften des Latemars anzueignen. Unsere eigene Verwurzelung und Stabilität wahrzunehme. Zu fühlen, was wir in unseren Körpern in genau diesem Augenblick empfinden. Bis uns ein sanfter Gong aus unseren Beobachtungen und Gedanken holt. 

Wo vor acht Jahren das Sturmtief Vaia wütete, hat der Psychologe und Mindfulness-Trainer Bernagozzi in Folge den laut ihm ersten und einzigen Achtsamkeitspfad in den Alpen entwickelt. Fast 6.000 Hektar Wald hatten die Orkanböen damals in einer Nacht Ende Oktober in ganz Südtirol vernichtet. Alleine rund 1.000 davon im Eggental, der kleinsten Dolomitenregion. Auch der oberhalb von Obereggen gelegene Golfrion war betroffen. „Als ich das erste Mal nach dem Sturm Vaia hier war, wusste ich sofort, das ist der perfekte Ort für einen Mindfulness-Pfad“, erinnert sich Bernagozzi an seinen ersten Besuch auf der kahlgefegten Kuppe des Golfrion. Heute leiten 18 Stationen eines achtsamkeitsbasierten Naturwegs mit Meditation und Wahrnehmungsübungen dazu an, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein. Statt mit den Gedanken in die Vergangenheit oder die Zukunft zu schweifen. „Wir sind ständig Getriebene unseres eigenen Autopiloten, dabei ist der aktuelle Augenblick ist der einzige Moment, in dem wir Einfluss auf unser Leben haben“, animiert Bernagozzi zum Erlernen von Achtsamkeit in der Natur der Bergwelt der Dolomit. Entweder in Begleitung von Bernagozzi selbst oder per App, über die an jeder Station von ihm eingesprochene Texte zu Achtsamkeitsübungen und Mediationen anleiten. Beginnend mit der Aufforderung, einen beliebigen Stein aufzuheben, diesen mit einem Wunsch oder Gedanken zu verbinden und ihn mitzunehmen auf die Runde auf dem Mindful.Latemar. Bevor der Stein an der letzten Station mit einer besonderen Zeremonie wieder abgelegt wird. Mit dem Ziel, dabei auch eigene Vorurteile abzulegen und sich neuen Erfahrungen zu öffnen.

„Dieser Ort hier oben auf dem Golfrion ist für mich ein Symbol für mentale Gesundheit und Wohlbefinden, aber auch für bewussten, nachhaltigen Tourismus“, berichtet der Mindful-Trainer, dass der Achtsamkeitspfad in Kooperation mit der Uni Bozen entstanden ist. Aus natürlichen Materialien, die, wenn es sein muss, in kurzer Zeit spurlos deinstalliert werden können. Wie die hölzernen Sitzblöcke oder das Eingangsportal zum Mindful.Latemar: eine rostende Stahlplatte mit drei Ausschnitten, die Erwachsene, Kinder und sogar begleitende Vierbeiner durchschreiten können. Auf die Achtsamkeitsrunde, bei der es nicht darum geht, Gedanken auszublenden, sondern „Gedanken bewusst wahrzunehmen und eine neue Beziehung zwischen Körper, Geist und der Natur herzustellen, dürfen alle mit“, so der Psychologe, der den Achtsamkeitswanderern anhand der neuen Vegetation, die aus den Zerstörungen des Sturmtiefs gedeiht, erklärt, was Widerstandsfähigkeit bedeutet. „Wenn jemand widerstandsfähig ist, heißt das nicht, dass diese Person nicht leidet oder keine Schwierigkeiten hat. Im Gegenteil, es deutet auf die Fähigkeiten dieser Person, auch negative Empfindungen zu akzeptieren“, animiert er dazu, zu lernen mit schwierigen Situationen umzugehen, bewusst zu reagieren und daran zu wachsen.

Die Inspirationen und das Wissen für den Mindful.Latemar hat der Psychologe aus seinem Studium und von eigenen Meditationsreisen in Europa und Asien. Als Erinnerung daran flattern an der letzten Station, dem Monument des Bewusstseins, auch tibetische Gebetsfahnen. Unter ihnen sollen die mitgetragenen Steine als ständig wachsender Haufen niedergelegt werden. Symboslisch für die Besucher, die auf dem Achtsamkeitspfad unterwegs waren. Verbunden mit der Aufforderung, loszulassen. Denn „wenn wir nicht loslassen können, blockieren wir und bleiben in Situationen stecken, in denen wir leiden“, so der Psychologe. Die Wanderung auf dem Mindful.Latemar kann ein Anfang sein, zu erkennen, dass das Leben ein ständiger Erneuerungs- und Wandlungsprozess ist, in dem der Augenblick der wichtigste Moment ist, weil wir alleine in ihm die Möglichkeit haben, unser Leben zu verändern. Oder einfach nur ein achtsamer Spaziergang auf dem Weg zu sich selbst auf gut 1800 Metern Höhe.

Gut zu wissen
Wegbeschreibung Mindful.Latemar
Start/Ziel an der Bergstation Kabinenbahn Ochsenweide, 1860m Höhe
Rundweg, ca. 3 Kilometer
Dauer mit Übungen 2,5 – 3 Stunden
Minimaler Höhenunterschied, leichter Schwierigkeitsgrad

Anreise
Mit dem Auto über die Brennerautobahn (A22) bis Bozen Nord/Eggental, weiter über die SS12, SS241, SS620 und SP 76 bis Obereggen.

Mit dem Zug via München bis Bozen, von dort mit der Buslinie 180 bis Obereggen. 
Ab Obereggen mit der Kabinenbahn Obereggen-Ochsenweide oder zu Fuß zum Startpunkt des Mindful.Latemar.

Weitere Informationen
https://obereggen.com/de/mindfullatemar
www.eggental.com/de

Über den Autor*Innen

Maren Recken

Maren Recken ist als freie Journalistin mit Videokamera, Fotoapparat und Notizblock unterwegs. Häufig in Italien, am liebsten im Gespräch mit den Menschen vor Ort; auf der Suche nach einer besonderen Story und einem authentischen Reiseziel. Sie veröffentlicht online und in verschiedenen Tageszeitungen, dreht Videos und erstellt Imagefilme. Während und nach ihrem Germanistikstudium hat sie mit verschiedenen privaten Radio- und Fernsehsendern zusammengearbeitet. Bei La Nazione in Florenz hat sie in der Onlineredaktion erlebt, wie Journalismus in Italien funktioniert.